Spuren

Elisabeth Barnerssoi-Schmid Das Ziel (Lyrik)
Hartmut Brie Albert Camus (Lyrik)
  Auch der Zauber (Lyrik)
  Der Grundsatz menschlicher Würde (Lyrik)
Helga Danzer may chau (Lyrik)
  ha long (Lyrik)
  nach Westen (Lyrik)
Claudia Edelmann Das große Rennen (Prosa)
Brigitte Gutmann Spuren hinterlassen (Lyrik)
Helmut Hannig Entdeckung der Langsamkeit  (Prosa)
Heidrun Mußer In vollen Zügen (Prosa)
Rosemarie Steinriede neu-Anfang (Lyrik)
Peter-Michael Sperlich Dichtkunst (Lyrik)
Verhindert (Prosa)
  Zwischen Heu und Asphalt (Lyrik)
Wilfried Benedikt West Die Spur des Ewigen (Prosa)
   

 

 

Albert Camus

Camus, wie einer aus Licht und Schatten,
das Absurde im Gepäck ohne es aufzuschnüren,
sich fremd auf der Suche nach Aufbegehren.

Wie einer, der das Glück hat auszuscheren,
den Zeitgeist auf Distanz ohne Angst zu schüren,
an sich wund und der Welt und keine Trauer gestatten.

Camus als Entwerfer eines Aufstands gegen Vorgedachtes,
den Menschen auf der Waage mit seinen Fragen,
dicht an sich und im Konflikt mit Lehren.

Er als Lichtgestalt der Existenz gegen Unangebrachtes,
Generationen in der Hand mit Unbehagen,
hart an sich und auf der Palme gegen literarische Ehren.

Hartmut Brie

nach oben

 

Auch der Zauber

Auch der Zauber eines innigen Gefühls mit den Geistern der Ahnen
holt sie nicht wieder an den geteilten Tisch mit Tropfen zu ihren Ehren.
Ihre Kraft beruht auf der Schattenwelt und ihrem Gründungswirken als Andacht.

Im täglichen Leben ist der Urahne in den Köpfen mit mythischer Macht,
man lebt zusammen und versucht, böse Geister abzuwehren.
Auch der Altar mit Opferritualen lässt Lebenskräfte schwanen.

Hinter der Außenwelt eines Ablaufs ohne Wunder verdunkelte Zonen,
Natur und Mensch im Einklang durch Knochenwürfe in Sand.
Gewesenes als Brücke zum Heute und weite Strecken zum Morgen.

Im Kult von Gemeinsamkeiten verschwinden Alltagssorgen,
auch die Masken und Tänze sind Urformen aus altem Bestand.
Im heiligen Wald mit seiner Magie werden die Geister noch lange wohnen.

Hartmut Brie

nach oben

Das große Rennen

Viele halten Schafe für dumme Tiere. Doch mal ehrlich,  wussten Sie, dass sich Schafe bis zu fünfzig Gesichter ihrer Artgenossen merken können?
Wenn Sie in Betracht ziehen, wie ähnlich sich Schafgesichter sind, ist das eine wahrlich beachtliche Leistung!
In Neuseeland gibt es etwa vierzig Millionen dieser klugen Geschöpfe und einmal im Jahr, zum weltberühmten „Sheep Run“, werden etwa zweitausend von ihnen durch die kleine Stadt Te Kuiti im Waitomo-Distrikt getrieben. Unzählige Menschen säumen die Geschäftsstraße und erfreuen sich daran, eine aufgeregte Schafherde an sich vorbeihetzen zu sehen.

Die flauschigen Akteure werden zunächst aus Nah und Fern zusammengekarrt. Etwas ratlos stehen sie auf dem umzäunten Parkplatz. Schaftransporter um Schaftransporter sorgt für neuen Nachschub und je größer die Zahl an Schafen wird, umso angespannter wird die Stimmung unter den Tieren.

Auch ich gehöre in diesem Jahr zu den vielen Schaulustigen, die sich das Schaf-Spektakel ansehen wollen. Ich selbst kann mir nicht vorstellen, dass es ein Vergnügen ist, mit heraushängender Zunge an einer johlenden Horde vorbei zu hecheln, um dann am Ende von einem entschlossenen Schafscherer des Pelzes beraubt zu werden.

Der Gedanke an dieses Szenario machte im Jahr davor wohl auch einigen Schafen zu schaffen. Insgesamt waren 1 953 Tiere zum „Sheep-Run“ angemeldet. Am Ende der etwa zwei Kilometer langen Strecke wurden allerdings nur mehr 1 873 gezählt. Eine Differenz von achtzig Tieren!
Einige besonders Kluge, denen wohl nicht der Sinn danach stand, sich vor der Meute zum Narren zu machen, waren ausgebrochen und hatten sich auf die nahe gelegenen hügeligen Weiden verzogen.

Hinter vorgehaltener Hand wurde mir berichtet, dass es aber auch weniger glückliche Schaf-Schicksale gab. Ein paar, etwas trägere oder vertrauensseligere Tiere, waren offenbar in die Hände gieriger Tunichtgute gefallen, die die Schafe lieber tot in ihrer Pfanne sehen wollten, als lebend am Ende der Geschäftsstraße.

Die anderen 1 873 ergaben sich in ihr Schicksal, nutzten aber die erstbeste Gelegenheit, sich an den sensationslustigen Zuschauern zu rächen. Als Opfer bot sich eine österreichische Touristin an, die, unerfahren im Umgang mit einer vierstelligen Schafherde, etwa einhundert Meter direkt in Laufrichtung, mit ihrer Kamera Stellung bezogen hatte.
Wenn man nicht dauernd mit galoppierenden Schafen zu tun hat ist es schwierig, ihre tatsächliche Geschwindigkeit einzuschätzen. Zu allem Unglück war die heranrasende Schafherde nicht geneigt, für ein Porträt zu stoppen. Die Dame war also im Weg und wurde wenig später ohnmächtig am Boden liegend gesichtet.

Wie viele Schafe beim diesjährigen „Sheep-Run“ verlustig gegangen sind, kann ich nicht sagen. Berichten kann ich nur von einem, das ich, in journalistischer Manier, bis auf die Weiden hinauf verfolgt habe.
Nach etwa einem Kilometer intensiver körperlicher Ertüchtigung (Sie haben keine Vorstellung davon, wie schnell ein Schaf rennen kann) blieb ich atemlos hinter dem Tier zurück und sah das Schafhinterteil, und damit meine Story, gerade noch in den Büschen verschwinden.

Für einen Journalisten gibt es wohl nichts Schlimmeres, als wenn einem der Interviewpartner abhandenkommt.
Aber ich sagte ja schon zu Beginn: Schafe sind nicht so dumm, wie die meisten Menschen glauben!

Doch seien wir realistisch, ich hätte das Schaf ohnehin nicht interviewen können, wie ich es gewöhnlich mit meinen Gesprächspartnern tue.
Ich bin allerdings davon überzeugt dass, hätte ich das Schaf zum Interview bitten können, es mindestens genauso viel zu sagen gehabt hätte, wie so manch ein Politiker oder Vorsitzender eines lokalen Gesangsvereins. Nicht selten stellen mich diese Herrschaften vor die Herausforderung, aus mageren Inhalten eine passable Story zu machen.

Aber, machen Sie sich keine Sorgen. Sie kriegen Ihre Schafgeschichte.

Claudia Edelmann

nach oben

 

das ziel

schling die arme um die knie
schling mit wandelbaren augen
das spiegelbild mit allen himmeln
schling

späh zum baum geworden
späh mit atem den entblössten zug
den wolkenstaub darüber auszumachen
späh

lauf nicht zurück
lauf die stundenblume in der tasche
zur hoffnung um die ecke
lauf

Elisabeth Barnerssoi-Schmid

nach oben

 

Der Grundsatz menschlicher Würde

Schlagstöcke.
Gerechtigkeit in Quarantäne  der Lernerfolg
unbekannter Symbole mit Wertschöpfung.
Die Analphabeten wehrlos im Unschuldsstand.

Medienschelte.
Schreiblust für die Herrschaft die Streubreite
einseitiger Bilder im Zählwerk.
Die Abnehmer sprachlos am Gesellschaftsrand.

Konfliktstoffe.
Transparenz im Ablauf die Grundlage
umsichtigen Miteinanders im Umgang.
Die Dunkelmänner rücksichtslos am Geldhahn

Unruheherde.
Waffengewalt auf den Straßen der Grundsatz
menschlicher Würde im Alltag.
Die Mitläufer achtlos mit Größenwahn.

Hartmut Brie

nach oben

 

Dichtkunst

Worte sperren sich
fliehen
Gedanken-Höhenflüge
lassen
von ihrer Freiheit
Wortgefängnisse zurück.

 

Gedanken drängen sich
leuchten
erst in Wortgestalten
streben
aus der Flüchtigkeit
in Zeitlosigkeit hinein:

die so frei sich glaubten
können
nur in Ketten überleben.

Peter-Michael Sperlich

nach oben

Die Spur des Ewigen

Die Menschenwelt funktioniert nach den Gesetzen der Natur (griechisch: physis). Insofern ist es nicht verkehrt, von einer physikalisch gesteuerten Menschenwelt zu reden und zu schreiben. Leider bin ich nie dazu gekommen, in dieser Welt völlig beheimatet zu sein, da ich die Ahnung einer anderen Welt jenseits der Naturgesetze in mir trage.

Die physikalische Welt ist durch die Vorstellung von Raum und Zeit geprägt. Ihre Kennzeichen sind der Meterstab (für den Raum) und die Uhr (für die Zeit). In der physikalischen Welt fragt der Mensch sowohl nach Größe und Menge als auch nach Dauer und Geschwindigkeit. Dabei haben viele Einzelmenschen ein Streben nach dem „mehr“ und nach dem „schneller“.

Die ganze Zivilisation hängt von der praktischen Antwort auf diese Fragen und dem damit verbundenen Streben ab. Intercity - Express statt Bummelzug, das spart Zeit. Autobahn statt Wanderweg, das spart Raum. Dabei werden viele Vertreter der physikalischen Welt nicht müde, vom Fortschritt zu reden. Ob sie die Wahrheit sagen, das lasse ich als Zuschauer im großen Welttheater mal offen.

Die Verlockungen der physikalischen Menschenwelt sind vielfältig, vor allem für junge Leute, denen es noch an dem fehlt, was Lebenserfahrung oder Gelassenheit heißt. Schnelle Autos, schnelle Computer, flinke Handys bestimmen vielfach ihr Leben.

Nun bin ich selbst aber einer, der schon als Schüler am Gymnasium die Erfahrung machte, dass es hinter der physikalischen Welt noch eine rätselhafte Welt gibt. Sie heißt seit dem griechischen Denker Aristoteles die metaphysische Welt. In ihr geht es jenseits von Raum, Zeit und irdischen Dingen um so etwas wie die zeitlosen Beschäftigungen der Menschheit. Immanuel Kant, ein Denker des 18. Jahrhunderts brachte das Sein in der metaphysischen Welt mit den drei berühmt gewordenen Fragen auf den Punkt: Woher kommen wir ? Wohin gehen wir ? Wer sind wir ?

Die Antworten auf diese Fragen liegen in der Seele eines jeden Einzelmenschen verborgen. Es geht hier um Glaube und Religion. Geburt ,Tod, Menschsein – das lässt sich nicht wägen, messen oder steuern. Hier erscheint die Spur des Ewigen in der Zeit, egal wie dieses Ewige benannt wird, ob Weltgeist, Gott, Allah oder Transzendenz.

Die Spurensuche der Jäger im Wald ist mühsam und erfordert Aufmerksamkeit und Ausdauer – das geschieht in der physikalischen Welt. Die Spurensuche des Menschen in der Ewigkeit ist ähnlich, aber nur entfernt; denn es gibt nichts zu sehen, sondern nur zu glauben.

Wilfried Benedikt West

nach oben

Entdeckung der Langsamkeit  

Hin und wieder, ich gebe es unumwunden zu, bedarf es manch literarischer Exkursion durch die Klassik, die Romantik sowie die Neuzeit, die meine Seele aufzurütteln imstande wären, mich ernster den Dingen zuzuwenden, um meine Gedanken an sie zu heften.
Es bedarf sozusagen eines Vehiculums als Spurensucher, das Wort für Wort auf seine Plattform hievt, Rhythmen komponiert, Metaphern erweckt und Geschichten fügt.
Die Reise geht dann wie von selbst, gleichsam ein Segeln im Winde. Sind erst einmal die Hürden überwunden habe ich das Gefühl – ich sitze in einem Fluss, so ganz ohne Bedrängnis mit der Entdeckung der Langsamkeit im Gemüt, lasse mich treiben und genieße die Ausblicke in eine neue Landschaft, die ich zwar zu kennen vermeine, aber hinter jeder Biegung, hinter jedem Felsenhügel offenbart sich mir ein fernes Gefühl von Entdeckermentalität und sehnsuchtsvoller Neugier.
Kaum habe ich die Ebenen meines so geliebten Schwadronierens erreicht, erheben sich Gesichte kleiner Erzählbühnen, auf denen sich Ränkespiele zutragen, ausgefeilte Intrigen abspielen und diplomatische Ausflüchte für Irritationen sorgen. Was daherkommt und leibhaftig hörbar wird, sind manch kleine Verse, nachdenkliche Hinterfragungen und haptische Traumgefüge.
Also fast alles, was sich nur wenig fassbar in die Gesetzmäßigkeiten klassischer Ausdrucksformen fügt, wird eher die Zwischenräume traumwandlerisch meine Visionen bewohnen.
Ausgenommen bei Sachbuchinhalten und Fakten, die an Biografien entlang geschrieben werden, fühlen wir uns vor allem als die Macher und Themengeber, im weitesten Sinne von Prosa und Lyrik.
Was erzählen wir – wenn wir erzählen! Wir berichten sozusagen von Lebensbedingungen, die sich zwischen unbefangener Natur und ausgedachten Welten ihre ganz eigene sucht und auch finden lassen. Es bleibt ein Abtauchen, eine Art Flucht aus der eigenen Umgebung, aus der wir uns manchmal herausstehlen wollen, jedoch darin eine ganz eigenständige schaffen.
Mit all den Problemen und Schwächen wie im richtigen Leben, wird eine ganz andere Art des Erzählens psychologischer Hintergründigkeit, zuweilen rudimentär dargestellt: „Wer mit wem
zu einem Diskurs findet und überhaupt durch welche Umstände diese und jene Tragiken ins Szene gesetzt werden, erst Verwicklungen schafft, die sich nie so lösen lassen, wie wir es denn zu hoffen gewohnt sind; bleiben wir die Manipulatoren am Taktstock der Literatur.
Dramaturgie von Schuld und Sühne!  Wie scheinbar groß ist der Einfallsreichtum in unserem Gedankenkosmos, wenn wir die Charaktere bestimmen; im Besonderen dahingehend, wer ein gesellschaftlich Begünstigter sein soll und wer hinken darf, wer einen ‚Homo ludens’ repräsentiert und wer die Arschkarte gezogen hat, und den das unausweichliche wohlgemeinte Ende eines Gnadenaktes unseren Segen erteilt. Und nun, bestimmen wir aus mancherlei Traditionen heraus dem Plot genüge zu tun, dass sie sich doch noch kriegen, dass der/die Geliebte am gegenüber liegenden Ufer (zunehmend auch vom anderen Ufer) unerfüllt und leer ausgeht, schlimmstenfalls in die Fluten stürzt und genau in dieser Situation feststellen muss, dass er/sie gar nicht schwimmen kann!
Wir vermeinen traumwandlerisch zwischen den Welten Menschliches ergründen zu müssen, um Fragwürdiges aus der Welt zu schaffen, bringen wir es erst in unsere Story hinein, durch
Toleranz von heroischem Edelmut und falschverstandener Distanz.
Aber dazu braucht es Abstand und eine beträchtliche Lebenserfahrung die zwischen Koexistenz und laissez-faire Spielräume ermöglicht.
Nichts ist freier als der Gedanke, der sich auftut um von sich, seiner Herkunft und integrer Deutung zu reden, über mancherlei Lebensnahes und –fernes zu fabulieren, imstande sei.
Das gewaltigste, mentale Bauwerk der Menschheit sind ihre Gedankenkonstruktionen.
Sie sind von so ungeheurem Ausmaß, dass sie, wenn sie über eine atomare Sprengkraft verfügten, die Welt mineralisieren könnten.
Gedanken besitzen vor allem Energie und Schwingungen. Sie beherrschen gleichermaßen höhere und niedere Frequenzen, die in ihren angestammten Vertrauensbereichen, wie wir es vor allem aus christlicher Sicht verstehen, das Gute und das weniger Gute (-das Böse) beeinflussen oder sogar fördern könnten.
Kommen wir wieder zu den bewegten Wörtern, die bewegen sollen – zum Geschriebenen.
Welch eine geniale Eigenschaft ist seit Jahrtausenden dem ‚Homo sapiens’ gegeben worden, nämlich: die Fähigkeit des Denkvorgangs die in der Erkenntnis gipfelt  – ‚also bin ich!’
Immer von der Basis seiner kulturellen Abstammung und Etymologie ausgehend, verfügt er über eine herausragende oder weniger ausgeprägte kognitive Leistung.
Sie bestimmt seinen Weg, seinen Anspruch an die Gesellschaft, seine Integrität und Loyalität.
Wenn er sich nicht über und durch die Gesellschaft zu definieren versteht und sie zu formulieren weiß, wird sie ihn beiseite schieben.
Durch die ‚Globalisierung’ im heutigen Umgang miteinander werden wohl keine Schwerter mehr geschwungen, sondern Märkte erobert und gleichsam auch diese, wenn es aus
wirtschaftlichen Gründen opportun erscheint, wieder eliminiert.
Die Macht des ’Geldes’, das zum Machtwort geworden ist, wird zu einem inzwischen routinierten Bilanzkurvenrennen, die jeden aus der Bahn wirft, der sich nicht vorher vom Verlauf des Parcours überzeugt hat.
Zitat eines vom Schreiben getriebenen Täters:
Ein gellender Schrei zerriss die routinierte, in ihren Abläufen bedächtige Geschäftigkeit im Kreissaal. Sie schrie ihren Schmerz, der voller Inbrunst aus dem tiefsten Inneren zu kommen schien hervor, als würde ihre Haut vom Leibe gerissen. Es war ein Schrei zweier Kehlen in einem Erlösungsakt einer Gebärenden, indem Angst und Freude sich gleichermaßen
 steigerten.
 Ihre Nerven und Muskelfasern waren auf das Äußerste angespannt. Trotz aller
 ärztlicher Bemühungen einen normalen Geburtsvorgang in die Wege zu leiten sei noch angemerkt, schlang sich die Nabelschnur unglücklicherweise um den zarten, bebenden Körper des noch Ungeborenen, die ihn strangulierte und jene lebenserhaltende Versorgung unterbrach.
Kurze Wege werden oftmals zu den längeren im Leben und letzten Endes, bleiben sie doch die beschwerlichsten. Es war dem neuen Erdenbürger nicht vergönnt, seine Lungen wenigstens ein einziges Mal mit Luft füllen zu können, es ertrank die junge Seele in ihrem Blut ohne jemals das Licht der Welt erblickt zu haben.
Etwa zwei Jahre später folgte ihm ein gesunder Bruder nach, auf dem vermutlich wie an einem Zwilling ein Schattenhauch seines Bruders lastete, der ihm eine unsichtbare Präsenz und Nähe gab, auf die er in seinem Leben so recht nie eine klärende Antwort fand. Es blieb wohl ein nicht zu deutendes Änigma seines Selbst, dass er sich im Anderen und der Andere als ein Spiegelbild in ihm einander zugehörig empfanden, um unwiderruflich zu einem Wesen zu
verschmelzen.  [...].’     Zitat Ende.
So oder ähnlich beginnen Lebensläufe, die für den betreffenden Menschen zur grundlegenden Schicksalsbestimmung seiner Existenz werden. So legen wir fest, dass, ja – dass wir das Leben aus dem Leben nachvollziehen suchen, in all seinen Variationen und Vielschichtigkeiten.
Bücher haben nicht nur ein physisches Gewicht, schwerer wiegen vor allem ihre Inhalte, ihre
Geschichten von Eros und Thanatos, von wissenschaftlichen Abhandlungen, der Mythologie, der Kunst und anderem.
Heute wiegt nichts prägnanter und manifester in der Geschichte, als die Erkenntnisse unserer Altvorderen. Ihre Schicksale beeinflussten gewissermaßen auch unsere, ihre Verluste und Enttäuschungen, ihre Ängste und Nöte die zu jenen Nahtstellen aufbrachen, an denen sich die Generationen berührten, aus denen wiederum ihre Nachfahren den Versuch zu unternehmen genötigt waren, ans Licht zu gelangen – gewissermaßen zur Selbsterkenntnis.
Und jedes Jahrhundert ist mit der Blindheit des vorhergehenden geschlagen, immer wieder in die gleichen Strukturen zu verfallen, aus denen sich die Menschheit im Verlauf ihrer Entwicklungsgeschichte nur schwerlich ihrer Bestimmung gemäß, zum ‚Homo faber’ aus lautester Absicht zu werden, Einsicht in sein Tun und einer geziemenden Bescheidenheit neue Werte zu geben ein ständiger Prozess geistiger Höherentwicklung bleibt, der nie ein Ende finden wird.

Helmut Hannig

nach oben

 

ha long

zunächst
ist da der hafen die menschen
getürmte koffer pakete hupen
die schreie der möwen gegen
den verkehr, dann
nur noch ein leises tuckern
(selbst dafür scheint sich 
das boot zu schämen)

sie stehen im meerdunst
grünbrüstig gewaltig
stumm
blicken uns an, nach
während wir in ihrem blauen
schatten gleiten
langsam fast
lautlos
um den drachen
nicht zu wecken

im bodenlosen

             ..Halong-Bucht/Vietnam

Helga Danzer

nach oben

In vollen Zügen

Erneut sind wir unterwegs zu einer Lesung. Steigen in den Zug, warten und hoffen, dass heute Abend ein paar Zuhörer kommen. Es ist uns ein Anliegen, unsere Anthologien zu verkaufen. Natürlich sind wir nicht darauf angewiesen. Gott behüte!
Mein  Bruder hat seine elektronische Orgel mitgenommen. Eben hat er sie ächzend in die Gepäckablage gewuchtet. Nun stellt er besorgt fest, dass sie zu groß ist.
Er ist ein wie Fels in der Brandung. Nichts scheint ihn zu erschüttern. Trotzdem, heute hat er Angst, jemand könne mit dem Kopf gegen seine Orgel stoßen.
Mutter sitzt zusammengekauert in einer Ecke, die Beine auf meiner Reisetasche. Ihre kleine schlanke Gestalt passt sich den beengten Verhältnissen im Abteil an. Sie scheint teilnahmslos zu sein. Aber ich weiß dass ihre blauen Augen unter den dichten Brauen alles was um sie herum geschieht, genau beobachten. Der Zug rattert, Bäume, Sträucher und Telegrafenmasten hüpfen am Fenster vorüber.
Wiederum ein Bahnhof. Menschen steigen ein und aus, drängen sich ins Abteil. Neben meinen Bruder setzt sich eine junge Frau mit dicken braunen Zöpfen und weinroten Pausbacken. Ihr rundlicher Bauch ähnelt dem meines Bruders.
Mit ausdruckslosem Gesicht begutachtet er sie. Ich frage mich, ob sie ihm gefällt. Als sie mit piepsiger Stimme zu reden beginnt, weiß ich, sie hat keine Chance bei ihm. Nervös zünde ich mir eine Zigarette an. Ursprünglich wollte ich mit den Beiden über die Lesung reden. Da gäbe es noch ein paar Details, die mir am Herzen liegen. Doch wir alle hören der dick bezopften aufmerksam zu, oder wirken so. Später steigt sie aus, um wie sie sagt, bei ihrem Vater Kaffee zu trinken. Ihr letzter Blick gilt Brüderchen. Der steht mit ausdruckslosem Gesicht auf, rückt seine Orgel zurecht und setzt sich wieder.
Nach einer Stunde kommen wir auf dem Bahnhof in Stuttgart an. Wir beraten, ob wir  zuerst das Gepäck in ein Schließfach geben, die Orgel abstellen, Kaffee trinken oder mit der S- Bahn nach Endersbach fahren. Wir sind nicht praktisch veranlagt. Dennoch, jedes Mal sind wir pünktlich zur Lesung und nach Hause gekommen, was nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken ist, dass Mutter die Kursbücher besser kennt als mancher Bahnbeamte.
Eine ratternde Rolltreppe trägt uns in den S- Bahnhof hinunter.
Meine verwirrten Blicke treffen auf ein Schild auf dem ich lese: „Bitte auf dem Bauch aussteigen.“ Ich lache innerlich über mich, und taste nervös nach der Fahrkarte in meiner Tasche.
Im Moment sehen wir nicht aus, wie die „Schreibende Familie“ sondern ähneln eher Flüchtlingen, die mit ihren letzten Habseligkeiten in die S- Bahn steigen. Brüderchen trägt tapfer und gefasst die elektronische Orgel unter dem Arm, während Mutter und ich die Taschen mit den Büchern und Kleidern schleppen. In der S- Bahn stehen wir, klammern uns an den Haltestangen fest.
Nach einer halben Stunde sind wir am Ziel. Ein kalter Wind weht in Endersbach. Glitzernde Sterne stehen am Himmel. Unsere Kehlen sind trocken und die Mägen leer. „Ich möchte die Orgel abgeben“, sagt mein Bruder. Wir gehen zu dem Buchladen, in dem die Lesung stattfinden soll. Brüderchens Gestalt wird von der Dunkelheit verschluckt.  
Nach mehrmaligem drücken auf verschiedene Klingelknöpfe kommt Jemand und nimmt uns Bücher und Orgel ab. Nun müssen wir die Taschen mit den Kleidern ins Hotel bringen.
Eine Stunde später sitzen wir beim Essen in einem Bistro und ich kann meine Fragen zur Lesung vorbringen.
Dann sind wir im Buchladen, werden herzlich begrüßt, stellen die Orgel auf und platzieren die Bücher auf dem Tisch.
Mutter ist heute nicht nervös. Auch das sonstige „ Hoffentlich kommt Jemand“ ist von ihrem Gesicht abzulesen. Brüderchen klimpert auf der Orgel.
Ich überlege mir, ob ich alle meine Fragen gestellt habe, jedoch in meinem Kopf herrscht Leere.
„Siebzig Einladungen habe ich verschickt und in den Regionalnachrichten des Radios ist die Lesung auch angekündigt worden“, sagt Grete, die Besitzerin des Buchladens.
Bis um viertel nach Acht sind zwei Zuhörerinnen da. Eine davon, eine ältere Intellektuelle mit blonden gelockten Haaren und einem maßgeschneiderten grauen Kostüm, behauptet, unseren Dialekt nicht verstehen zu können.
Wir sind Schwaben, halten allerdings unsere Lesungen nicht in Mundart. Auch davon versteht sie angeblich wenige „Wortfetzen.“ Als wir die Lesung beginnen, beläuft sich unser Zuhörerkreis auf vier Personen. Das haben wir der Tatsache zu verdanken, dass Gretes Mann hinzugekommen ist.
Schwacher Beifall beendet eine halbe Stunde später unsere Lesung. Ich habe mich heute nicht bemüht, sondern habe meine „Schwäbischen Wortfetzen“ undeutlich in den Raum posaunt.
Nach der Lesung gibt es bei Grete Maultaschen, Wein und Bier. Grete entschuldigt sich für  die begrenzte Zuhörermenge.
Die Erfahrung zeigt uns, dass das in Stuttgart und Umgebung normal ist. Es bleibt uns  die Gewissheit, dass wir auf der Alb mehr Zuhörer haben. Manchmal verkaufen wir dort zwei oder drei Bücher.
Später liegen wir müde und abgekämpft in unseren Hotelbetten. Morgen werde ich mit schwerem Kopf nach Hause fahren und Übermorgen bei der Arbeit müde umherschleichen.  
Trotzdem gingen wir immer wieder in vollen Zügen, und mit einer gehörigen Portion Idealismus und Selbstvertrauen zur nächsten Lesung.
Hoppla, he da...das war die Autorengruppe Zimmerer, eine schreibende Familie. Und das war  auch etwas!

Heidrun Mußer

nach oben

 

 

 

 

may chau

das helle grün der setzlinge
das dunkel lehmige der dämme

reisstrohhüte
gebeugte rücken frauen
ziehen und setzen
die röcke über die schenkel gebunden
die beine im wasser
wie erotisch sagt jemand
ziehen und setzen
ziehen und setzen
jeden halm einzeln
wie viele braucht man für eine
hand voll reis

 

(Aus dem Zyklus “Vietnam - lyrische Skizzen”)

 

Helga Danzer

nach oben

 

nach westen,

die ausfallstraße
und später
graue sonne graue bäume
müll strommasten schief
blühende landschaften nur
auf tafeln fünf mal fünf meter
am rand der straße der einen
geteilten fahrspur schotter und
abgase wird sechsspurig
irgendwann sagt herr minh

zwischenstopp:
buddahs, indische götter,
madonnen mit kind
sehr weiß
werden verkauft

ich höre ma denke
- geist - grab -
- aber -
- reissetzlinge - mutter - pferd - ?

die silbe
so tönern im ton

 

            auf der Straße von Hanoi
            nach Xuan May/Vietnam

Helga Danzer

nach oben

 

neu-Anfang

manchmal
wiederholt sich
alles stereotyp - hängt
es bedarf eines Anstoßes
damit die Gleichförmigkeit
aus der Rille springt
Musik wieder spielt

Rosemarie Steinriede

nach oben

 

Spuren hinterlassen

Spuren hinterlassen
im Sand

Spuren hinterlassen
in Gärten und Häusern

Spuren hinterlassen
in den Landkarten der Gefühle

Spuren hinterlassen
in den Worten

Wenn möglich gute Spuren hinterlassen
in Herzen und Köpfen

Wenn möglich lebendige Spuren hinterlassen
in den Bahnen der Erinnerung  

Brigitte Gutmann

nach oben

 

Verhindert

Gott sei Dank hat es auf dem Heimweg vom Büro heute keinen Stau gegeben. Ich bin wider Erwarten schon nach zehn Minuten zu Hause angekommen. Toll, so pünktlich! Ich werde seinen Anruf also nicht verpassen.
Er hat es mir versprochen. Um 17.30 Uhr will er mich anrufen. Jetzt ist es gerade mal 17.00 Uhr, also habe ich noch eine halbe Stunde, um privat zu werden, mich zu duschen, umzuziehen und mich ein bisschen zurechtzumachen.
Bestimmt, ja, ganz bestimmt wird er mir vorschlagen, irgendwohin zu gehen, irgendwo etwas essen, romantisch, dann woanders eine Kleinigkeit trinken, ich wüsste schon wo, da, wo man auch ein bisschen tanzen kann, ja, und dann …
„Mechthild, hör auf zu träumen, wer weiß, wie sich alles entwickelt, immer du mit deinen Tagträumen, deinen Wunschträumen!“, ermahne ich mich selbst, als ich schließlich anfange, mir die Haare zu fönen.
Ich bin gespannt, aufgeregt, ach, wie habe ich mich auf diesen Abend gefreut. Im Büro habe ich heute oft nur so getan, als ob ich arbeite. Meine Gedanken sind fort geflogen, weit weg, hin zu unserem ersten Treffen…
Er hatte einen so – selbstsicheren Eindruck gemacht… chic, ja, richtig chic ist er gewesen, seine Sachen müssen richtig Geld gekostet haben… so jung noch und schon so viel Geld, na ja, ist ja kein Verbrechen, viel Geld zu haben… und dann das Auto, mit dem er mich nach Hause gefahren hat, ein Traum…
Aber jetzt, jetzt bin ich hier, noch drei Minuten und das Telefon müsste klingeln. Ich stelle mir seine Stimme vor, wie sie wohl am Telefon klingen mag… wird sie weicher klingen oder härter, markanter – männlicher? Gleich weiß ich es! Gleich!
Ich fixiere das Telefon. Nun klingle schon! Es schaut mich unverwandt an und schweigt. Es will nicht, will es nicht oder kann es nicht? Hat er es vergessen? Ist ihm etwas passiert? Warum ruft er nicht an?
Wenn man etwas verspricht, muss man es halten! Wieso verspricht er etwas, wenn er es nicht halten kann? Will er überhaupt anrufen?
Schon 17.45 Uhr. Eine Viertelstunde sitze ich hier vor diesem blöden Telefon und starre es an. Was fällt ihm ein, mich hier so sitzen zu lassen? Will er mich versetzen? Wie oft bin ich eigentlich schon versetzt worden? Hm, eigentlich noch gar nicht, zumindest hatten die Typen so viel Anstand im Leib gehabt, mir abzusagen, manchmal mit den lächerlichsten Ausflüchten, aber immer abgesagt. Aber der hier?
Dabei schien er so nett, so gebildet, so gut erzogen… Irgendwie hatte er in mir eine Seite berührt, die ich schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte, ich fühlte mich richtiggehend hingezogen, seltsam…verdammt gut sah er ja aus, wirklich, so richtig appetitanregend, naja – diese häufige Handy-Klingelei hat schon etwas gestört, aber egal…
Das hätte ich ihm jedenfalls nie zugetraut, einfach nicht anzurufen. 18.00 Uhr! Was soll ich nur machen? Wie viel Mal bin ich jetzt schon zum Spiegel gelaufen und habe… vielleicht ist ihm ja doch etwas dazwischen gekommen… Gut, dann wenigstens ein Schnäpschen zum Vorglühen… riech’ ich eben nach Alkohol, na und?
Anrufen hätte er doch wenigstens können, das ist doch wohl das Mindeste… 18.07 Uhr, also jetzt gebe ich ihm noch exakt 8 Minuten und dann, dann aus und vorbei, endgültig! 18.14 Uhr… noch eine Minute. … 18.15 Uhr … Er ruft einfach nicht an! Männer! Scheißmänner, Scheißtelefon, Scheißwarten, alles, verdammt… Aber nein, Freundchen, den Gefallen tue ich Dir nicht, keine einzige Träne bist du wert, nicht eine. Wenn ich mir nur nicht solche Hoffnungen gemacht hätte, warum bin ich immer wieder so blöd, so dumm, so dämlich, ich könnte…, warum klingelst Du nicht, du elendes Telefon, warum rufst du nicht an, du elender Mistkerl? Warum warte ich wie eine Blöde hier auf jemanden, der sowieso nicht kommen wird, was ist mit dir los, Mechthild?
Ich bleibe nicht zu Hause, das steht fest, ich rufe Janine an und wir beide machen uns einen vergnügten Abend, aber… wenn er nun gerade anruft, wenn ich mit Janine spreche? Oh, nein, nein, nein! Freundchen, fünf Minuten gebe ich Dir noch, dann ist wirklich Schluss. Wieso eigentlich Schluss, wo doch noch gar nichts angefangen hat?
Jetzt einfach weggehen, gar nicht wiederkommen, lass ihn sich doch die Finger wund tippen an seinem Telefon, lass ihn doch stundenlang das Rufzeichen hören, lass ihn doch sich fragen, was mit mir ist, warum ich nicht zu Hause bin, Dreckskerl der, oder sich von der Ambulanz wegbringen lassen, weg, für Tage…
Ambulanz? So nahe? Was macht die Ambulanz vor meinem Haus? Wieso steht dort unten auch Polizei? Was ist das für ein Lärm im Treppenhaus? Was mag denn da los sein? Soll ich… Ich sehe nach, unten, im Erdgeschoss.
Vom letzten Treppenabsatz kann ich etwas sehen. Es stehen noch mehr Leute da und recken die Hälse. Neugierige Gaffer!
Zwei Sanitäter heben ihn gerade auf die Bahre, schlaff, leblos, bleich, ein Blutfaden … wandert vom Mund … über Wange … und Nase … zur Stirn … und verschwindet …  in einem kleinen Loch.

Peter-Michael Sperlich

nach oben

 

Zwischen Heu und Asphalt

Zwischen Heu und Asphalt
treiben die Seelen
im Strom ihrer Träume –
jederzeit hoffend
auf liebliche Ufer
sich nicht zu verlieren
im Strudel der Zeiten
den tosenden Schluchten -
niemand will Enge
jeder will gleiten
auf sanften Wellen
in blühende Weiten
des Raumes
des Geistes
des Fühlens -
zwischen Heu und Asphalt
fragen sich die Seelen
nach dem Ziel ihrer Träume -
zwischen Heu und Asphalt
fügen sich die Seelen
in ihre Räume.

Peter-Michael Sperlich

nach oben

 
Die Rechte an allen Texten (literarische Texte, Rezensionen) auf dieser Website liegen allein bei den jeweiligen Autoren.